Sep
17
Finanzkrise, Börsencrashs, gescheiterte Megafusionen und auch das ganz normale Wirtschaftsleben belegen: psychologische Faktoren spielen in der Wirtschaft eine wichtige und oft auch entscheidende Rolle. Im praktischen wirtschaftlichen Handeln wird deren Bedeutung jedoch häufig noch vernachlässigt. Darauf weist der Verband zur Förderung der Wirtschaftspsychologie e.V. (WiPs) in einer aktuellen Stellungnahme zur Finanz- und Wirtschaftskrise hin.
Erkenntnisse bleiben ohne Konsequenzen
Bereits der einstige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard erkannte: “50 Prozent der Wirtschaft sind Psychologie”. Börsenaltmeister André Kostolany sah mit Blick auf die Aktienmärkte sogar 90 Prozent des wirtschaftlichen Geschehens als Psychologie an. Und nicht umsonst erhielten mit Herbert Simon (1978) und Daniel Kahnemann (2002) zwei Psychologen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Letztere forderten eine Abkehr vom Modell des rein vernunftgesteuerten “homo oeconomicus” der klassischen Wirtschaftstheorie und machten das konkrete, nicht selten irrational erscheinende Handeln von Subjekten in wirtschaftlichen Kontexten einer psychologischen Erklärung und Vorhersage zugänglich.
Umso bedenklicher erscheint die Tatsache, dass Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Wirtschaftspolitik bis heute nur selten auf die Kompetenzen professioneller Wirtschaftspsychologen zurückgreifen.
“Ungeachtet der gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten gerne bemühten Rede von der Bedeutung psychologischer Faktoren werden entsprechend ausgebildete Fachkräfte im realen Wirtschaftsleben immer noch viel zu selten eingesetzt”, sagt die Präsidentin des Verbandes zur Förderung der Wirtschaftspsychologie Sabine Siegl. “Wichtige Potenziale zur Krisenbewältigung und für den ökonomischen Erfolg werden so leichtfertig verspielt”.
Generelle Unkenntnis und Barrieren zwischen Fachdisziplinen als Ursache
Verantwortlich für die hohe Diskrepanz zwischen der allgemein erkannten Bedeutung der Wirtschaftspsychologie und deren mangelnder praktischer Umsetzung ist nach Auffassung des Verbandes eine immer noch vorhandene Unkenntnis darüber, was Wirtschaftspsychologen in verschiedenen Anwendungsfeldern konkret leisten können. Hierzu zählen etwa die Folgeabschätzung unternehmerischer oder finanz- und steuerpolitischer Entscheidungen, das Personalmanagement und die Organisationsentwicklung sowie die Bereiche Konsumforschung, Marktforschung, Anlegerverhalten, Wirtschaftskommunikation oder Wirtschaftsethik.
Beispielsweise hätten sich die fatalen Folgen des nicht verhinderten Großbankenkonkurses von Lehmann Brothers für die internationale Finanzwelt, die nachhaltigen Auswirkungen der Einführung des Euro auf die inländische Binnenkonjunktur oder die massiven Imageprobleme von Unternehmen nach der Verkündung umfangreicher Stellenstreichungen trotz Milliardengewinnen, mit wirtschaftspsychologischer Expertise besser vorhersehen und managen lassen.
Gleichzeitig müssten aber auch Verständigungsprobleme zwischen Wirtschaft und Psychologie, sowie weiteren im wirtschaftlichen Kontext relevanter Professionen, zugunsten einer stärkeren interdisziplinären Zusammenarbeit überwunden werden.
Darüber hinaus fordert der Verband der Wirtschaftspsychologen die entsprechenden Fachinstitute der Universitäten auf, sich zukünftig noch stärker in der angewandten Wirtschaftsforschung zu engagieren und aktiver in die öffentliche Diskussion von Wirtschaftsthemen einzubringen.
Fazit: Ungeachtet der müßigen Frage nach dem genauen prozentualen Einfluss psychologischer Faktoren bleibt die Wirtschaftspsychologie für die erfolgreiche Steuerung von Wirtschaftsprozessen unentbehrlich. Die Nutzung des Potenzials hinkt in Deutschland jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück; angelsächsische Länder zeigen sich hier bereits weiter. Dies, so der Verband zur Förderung der Wirtschaftspsychologie, müsse sich dringend ändern – zum Wohle und wirtschaftlichen Vorteil aller.
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